Antrag 102/I/2019 Soziale Segregation im Berliner Schulsystem – Wir wollen beste Schulen in schwieriger Lage

Die sozialdemokratischen Mitglieder im Senat und im Abgeordnetenhaus werden aufgefordert, ein Programm für Schulen in sozial benachteiligten Stadtteilen zu entwickeln und zu implementieren. Ziel ist eine nachhaltige Erhöhung der Unterrichts- und der Schulqualität. Diese Qualitätsentwicklung soll in der Folge die Bildungserfolge der Schüler*innen an Schulen in sozial benachteiligten Stadtteilen signifikant erhöhen und damit einen Beitrag zur sozialen Chancengleichheit leisten

Das Programm soll dabei folgende Aspekte berücksichtigen:

  1. Schulen sollen durch das Programm darin bestärkt werden, ihre Entwicklungsziele konsistent an den Daten im Indikatorenmodell auszurichten. Gleichzeitig sollen sie im Rahmen des Programms die (personelle) Entlastung bekommen, die für die Umsetzung der Entwicklungsziele aus Sicht der Schule notwendig sind.
  2. Für dieses Programm sollen ab dem Jahr 2020 jährlich 20 Mio. EUR für mindestens fünf Jahre bereitgestellt werden. Statt einer breiten Streuung
    sollten zunächst berlinweit nicht mehr als 30-40 Schulen daran teilnehmen. Für die Auswahl der Schulen sollen die soziale Zusammensetzung, diesherige Schulentwicklung (Indikatorenmodell) sowie die Freiwilligkeit die Grundlage bilden.
  3. Mit Bereitstellung der Mittel soll eine Kommission von Expertinnen und Experten aus der Bildungsforschung, Schulpraxis und Bildungsverwaltung mit
    den folgenden Aufgaben eingesetzt werden:
    a) Erarbeitung eines Programmkonzepts für Berlin unter Berücksichtigung von internationalen Vorbildern und Erfahrungen, z.B. London Challenge
    b) Erarbeitung von konkreten Struktur-, Finanzierungs- und Personalvorschlägen.
    c) Die Kommission soll ihre Empfehlungen zeitnah vorlegen, sodass mit dem Programm spätestens zum Schuljahr 2020/21 begonnen werden kann.
Begründung:

Die soziale Entmischung der Schulen hat sich in Berlin schon lange manifestiert und schreitet weiter voran. Ein negativer Effekt der Segregation ist, dass die für ein positives Lernumfeld gewünschte Heterogenität der sprachlichen Fertigkeiten und der allgemeinen Lernvoraussetzungen nicht mehr gegeben ist. Zudem ist es für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wichtig, dass sich Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Soziallagen und Bildungshintergründen begegnen und dass diese auch voneinander lernen.

Gleichzeitig findet eine Entmischung der Qualität der pädagogischen Betreuung und damit der Ressourcen für gute Bildung statt, wobei die Schülerklientel das Image der Schule prägt.

Allein in guten Rahmenbedingungen liegen jedoch die Chancen für bessere Ergebnisse und erfolgreiche Bildungswege von Schüler*innen aus sozial
benachteiligten Familien und Familien mit Migrationshintergrund, die in besonderer Weise auf die Förderqualität von Schule angewiesen sind. Der Schulentwicklung kommt dabei eine zentrale Bedeutung zu.

Dass Investitionen in die Qualität der Schulen gerade in sozialräumlich schwierigen Lagen erfolgversprechend sind, zeigen u.a. Erfahrungen aus London, wo seit den 1990er Jahren verschiedene Maßnahmen und Programme für eine Stärkung von Schulen in sozialräumlich und ethnisch heterogenen Stadtvierteln mit großem Erfolg durchgeführt wurden. Die Schulleistungen von sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen haben sich dort deutlich verbessert. Dementsprechend gehören diese Schulen in heterogenen sozialen Lagen mittlerweile zu den leistungsstärksten und attraktivsten Schulen Londons und landesweit.

Berlin muss dem Beispiel folgen und Maßnahmen ergreifen, um Schulen in sozial belasteten Sozialräumen durch zusätzliche Investitionen in ihre Schul- und Unterrichtsqualität nachhaltig zu stärken.

Dabei sollte den Herausforderungen nicht mit einer Defizitorientierung, sondern mit der Schaffung eines positiven Schulklimas sowie entsprechender Unterstützungs- und Fördermöglichkeiten begegnet werden. Wenn z. B. in einer Familie eine andere Sprache als Deutsch gesprochen wird, liegt kein “Sprachdefizit” des Kindes vor, vielmehr ist es die Aufgabe der Schule in einer ethnisch und sozial gemischten Metropole wie Berlin, ein entsprechendes Förder- und Unterstützungsangebot bereitzustellen, das den verschiedenen sozialen, sprachlichen und kulturellen Voraussetzungen der Kinder gerecht wird, so dass diese sich entsprechend ihrer individuellen Potenziale entfalten können.

Das “Bonus-Programm” des Senats ist ein begrüßenswerter Schritt, um Verbesserungen zu erreichen. Es erschöpft sich allerdings in seiner gegenwärtigen
Durchführung weitgehend in einer zusätzlichen Mittelzuweisung. Zudem sind die verfügbaren Mittel auf über 250 Schulen (zu) weit gestreut. Das Programm dient zwar einerseits der Unterstützung der Schule, weshalb es auch, etwa durch Übernahme der zusätzlichen Unterstützung in die allgemeine Mittelzuweisung, beibehalten werden sollte. Andererseits ist es jedoch offensichtlich noch nicht ausreichend geeignet, die Situation an Schulen mit besonderen Herausforderungen im Sinne belastbarer (Leistungs-)Indikatoren zu verbessern. In diesem Sinne ist das “Bonus-Programm” durch ein von einer Kommission aus Expertinnen und Experten aus der Bildungsforschung, Schulpraxis und Bildungsverwaltung entwickeltes Programm gezielt zu ergänzen.

Empfehlung der Antragskommission:
Annahme (Konsens)