Antrag 68/I/2019 Kommunale Strukturen schaffen und stärken - Vorbereitung für die älter werdende Gesellschaft treffen (2)

Status:
Nicht abgestimmt

Einrichtung eines Kieztreffs/ Stadtteilzentren/ Bürgerläden

Kernstück dieser Planung ist die Einrichtung mindestens eines landesgeförderten Kieztreffs / Stadtteilzentrums / Bürgerladens in jeder BR. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass die BR in Einwohner*innenzahl und Fläche sehr unterschiedlich sind. Vor allem letzteres ist mit sehr weiten Wegen verbunden und für ältere Menschen oft ein unüberwindbares Hindernis. Jedes Zentrum muss mindestens einen Gruppenraum, einen Versammlungsraum und ein Büro enthalten und wird mit einer festen Personalstelle ausgestattet. Miet- und Gebäudekosten sowie Sachmittel sind auskömmlich zu finanzieren. Die Treffpunkte können in öffentlicher oder freier Trägerschaft eingerichtet werden.

 

In allen Neubaugebieten sind solche Stadtteilzentren bereits im Bebauungsplan verpflichtend an zentraler Stelle vorzusehen und bei der Umsetzung auch zu realisieren.

 

Nachbarschaftliche Strukturen sind ein existentiell notwendiger Bestandteil in der älter werdenden Gesellschaft neben stationärer, teilstationärer und ambulanten Pflege. Sie haben die Aufgabe,

  • ehrenamtliches Engagement zu initiieren und zu unterstützen und so der Vereinsamung entgegenzuwirken,
  • nachbarschaftliches Miteinander und gegenseitige Hilfe innerhalb und zwischen den Generationen zu fördern und so zum aktiven Leben und der Teilhabe älterer Menschen beizutragen,
  • dadurch auch das Verbleiben in der eigenen Häuslichkeit zu verlängern,
  • das Verständnis und den Umgang mit dementiell erkrankten älteren Menschen in alle Bereiche der Kommune zu tragen,
  • aber auch ausreichend professionelle Unterstützung für pflegende Angehörige vor zu halten und sie zu entlasten, dazu bedarf es der engen Verzahnung mit den Pflegekassen und entsprechenden Beratungsstellen (bspw. Pflegestützpunkte).

 

Ohnehin sind Kieztreffs. Mehgenerationenhäuser und Stadtteilzentren für jeden Kiez ein wichtiger Bestandteil um das Zusammenleben zu organisieren und Partizipation nicht nur für Senior*innen sondern für alle Altersgruppen zu ermöglichen.

 

Weitere Aufgaben sind zum Beispiel die Vernetzung der in der BR vorhandenen Akteure, die Koordinierung von Aktivitäten und Aktionen im Stadtteil, die Entwicklung und Unterstützung verschiedener Formen der Bürgerbeteiligung und die Information der Einwohnerschaft über relevante Vorhaben des Landes/Bezirks in der Bezirksregion.

Begründung:

Der demographische Wandel ist weder aufzuhalten noch weg zu diskutieren. Viel zu lange haben politische Akteur*innen die Augen davor verschlossen. Gibt es in anderen Bundesländern schon Planungen, wie hier skizziert, ist das Land Berlin noch weit davon entfernt. Die Zeit zur Vorbereitung und Realisierung ist aber endlich und bald verschlafen. Denn nachbarschaftliche Strukturen entstehen nicht auf Kommando, sondern müssen initiiert und begleitet werden und brauchen viele Jahre Zeit um wachsen und sich stabilisieren zu können.

 

Der Anteil der stationär Pflegebedürftigen im Land Berlin wird lt. den Berechnungen des Berliner Bündnis für Altenpflege von 28.990 im Jahr 2016 auf 42.719 Menschen im Jahr 2030 steigen. Das ist ein Plus von 13.729 Pflegebedürftigen nur stationär. Um die Brisanz zu verdeutlichen: Um diese Steigerung abzudecken, werden allein in der stationären Altenpflege rechnerisch 13.000 Pflegekräfte mehr benötigt, das sind 60 % mehr als heute. Der Anteil der Menschen, die der ambulanten Pflege bedürfen, liegt noch weit höher und wird sich entsprechend ebenfalls enorm steigern. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die „Baby-Boomerjahrgänge“ derzeit noch weitgehend berufstätig oder in einer frühen Rentenphase sind. Der stärkste Geburtsjahrgang war 1964 und ist heute 55 Jahre alt. Die Anzahl der Pflegebedürftigen in diesem Jahrgang ist also verstärkt ab 2038 zu erwarten und ist in den o.g. Daten noch gar nicht erfasst.

 

Derzeit gibt es keine Idee, wie dieser schon 2030 hohe und über viele Jahre weiter ansteigende Bedarf an Pflegekräften vor dem Hintergrund des allgemeinen Arbeits- und Fachkräftemangel in allen Bereichen bereit gestellt werden soll.

 

Es bedarf eines zielgerichteten und planvollen Vorbereitungsprozesses, der bereits erprobte Modelle und kreative neue Ideen aufnimmt. Dies können neue Wohnformen und Wohnarten sein und eben auch Modelle wie „demenzfreundliche Kommune“ oder die Schaffung nachbarschaftlicher Strukturen. Beispiele gibt es bereits genügend in Deutschland. Eine bezirksregionenbasierte Planung in Berlin muss klären, welche Elemente in welcher Region implementiert werden müssen. Die Entwicklung intelligenter Techniken ist ein weiterer Baustein. Die jetzt bestehenden relativ starren Säulen „stationär“ und „ambulant“ bedürfen einer Neuausrichtung. Nur durch ein Puzzle aus vielen Bausteinen ist die enorme Herausforderung der Veränderung der Altersstruktur ohne soziale Verwerfungen und mit realistischen Mitteleinsätzen finanzieller Art zu bewältigen. Dieser Planungsprozess muss jetztbegonnen werden, denn tragfähige Strukturen aufzubauen braucht Geduld und Zeit.

 

Es ist nun wirklich schon ein sehr alter Hut, dass Stadtteilzentren und ähnliche Treffpunkte insgesamt für das gesellschaftliche Klima eine wichtige Rolle spielen und eine Vielzahl von Ideen und Aktivitäten bündeln können. In der sogenannten „Flüchtlingskrise“ haben sie ihre Leistungsfähigkeit bewiesen und sehr deutlich gezeigt, dass sie viele dieser Herausforderungen tatsächlich bewältigen oder zumindest deren Bewältigung initiieren können. Sie haben bewiesen, dass sie kreativ und flexibel auf Bedarfe reagieren und ein Kristallisationspunkt für bürgerschaftliches Engagement bedeuten.

Empfehlung der Antragskommission:
Überweisen an: AG 60plus, ASG, FA VIII - Soziale Stadt (Konsens)