Antrag 96/I/2019 Forderungen für eine bessere frühkindliche Sprachförderung

Status:
Nicht abgestimmt

Die Landesarbeitsgemeinschaft für Bildung der SPD Berlin fordert den Landesparteitag auf zu beschließen, dass die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie

  • durch Maßnahmen wie Aufklärung, Hausbesuche und ggf. verbindlichen Verpflichtungen sicherstellt, dass ALLE Berliner Kinder spätestens ZWEI Jahre vor der Einschulung an einem qualifizierten Sprachtest in der Kita oder an einem Deutsch-4-Test für Nicht-Kita-Kinder teilnehmen.
  • durch geeignete Maßnahmen sicherstellt, dass für ALLE  Kinder mit Sprachförderbedarf die Schulpflicht nach Paragraf 55 SchulG umgesetzt wird. Präventive Maßnahmen, Aufklärung und Unterstützung sollen Vorrang vor Pflichtmaßnahmen haben, diese aber nicht ausschließen. Sollten nicht  genügend Kita-Plätze für Kinder mit erhöhtem Sprachförderbedarf vorhanden sein, soll der Senat zusammen mit den Bezirken zusätzliche Plätze für die Teilnahme am fünfstündigen Sprachförderkurs schaffen.
  • ein Sonderprogramm des Landes für frühe Sprachförderung auflegt. Kitas in schwierigen sozialen Lagen mit hohem Anteil an Kindern nichtdeutscher Herkunftssprache sollen so ausgestattet werden, dass jede dieser Kindertagesstätten eine ganze zusätzliche Fachkraft für Sprachbildung erhält. Sie soll dort zwei Jahre lang eine qualifizierte Sprachförderung für die Kinder mit Sprachförderbedarf gewährleisten. Die Wirksamkeit des Programms soll regelmäßig evaluiert werden.

 

Begründung:

Derzeitige Ineffektivität der frühen Sprachförderung

Das Sprachniveau vieler Kinder und Jugendlicher in Stadtteilen wie Berlin-Kreuzberg ist so schlecht, dass einfache Fachtexte kaum gelesen werden können. Vielen Kindern fehlt der sprachliche Schlüssel, um sich den Schulstoff in der Bildungssprache Deutsch zu erschließen. Deshalb scheitern Kinder aus Migrantenfamilien und/oder sozial schwachen Familien häufig in der Schule.

 

Sprachliche Grundlagen werden vor der Schulzeit gelegt. Kinder, die in ihren ersten Lebensjahren zu wenige sprachliche Anregungen in Deutsch in der Familie erhalten, sind auf eine möglichst frühe Sprachförderung in den Kitas angewiesen. So erhalten sie bessere Chancen auf Bildungserfolg und gesellschaftliche Teilhabe.

 

Aus einer kleinen Anfrage an den Senat ging für 2017 hervor, dass von den rund 1500 Kindern, die nicht in Kitas sind, nur rund 650 zu den Deutsch-4-Tests kommen, von denen rund 450 Kinder hohen Sprachförderbedarf zeigen. Von diesen gehen dann nur knapp 30 Kinder in die Kita. Dort werden sie leider nicht ausreichend gefördert, weil die quantitativen und qualitativen Personalressourcen in den Kitas für den Zweck ungenügend sind. Trotz Verbesserungsversuchen 2016 funktioniert die frühe Sprachförderung in Berlin bisher nicht. Sie kommt bei den Kindern, die sie am dringendsten benötigen, in der Regel nicht an.

 

Für Kinder, die mit schlechteren Chancen starten, sollte die Frühförderung deshalb konsequenter organisiert und besser ausgestattet werden. Sie sollten eine bessere Förderung in der vorschulischen Phase erhalten. Die Sprachförderung sollte möglichst früh ansetzen und möglichst lange dauern. Deshalb sind zwei Jahre Sprachförderung vor der Einschulung angemessener als die eineinhalb Jahre, die aktuell vorgesehen sind.

 

Derzeit werden gerade die Kinder mit dem höchsten Sprachförderbedarf gar nicht erfasst oder wenn sie erfasst werden, kommen sie nicht in die Kitas. Hier muss der Senat Wege finden, ALLE Kinder mit Sprachförderbedarf zu erfassen und in die Kitas zu leiten. Dies sollte durch Erklärungen, durch Familienbesuche und durch praktische Unterstützung geschehen. Hierzu sollen bewährte Programme wie „Stadtteilmütter“ neu aufgelegt, bzw. sollten die Integrationslotsen des Senats dafür eingesetzt werden. Wenn Familien sich trotzdem weigern, ihre Kinder am Sprachtest oder an der Kita-Sprachförderung teilnehmen zu lassen, muss der Senat dem Kindeswohl zuliebe vorgesehene Maßnahmen nach Paragraph 55 SchulG durchsetzen (Kitapflicht bei Förderbedarf).

 

Viele Kinder, bei denen erhöhter Sprachförderbedarf festgestellt wurde, sind laut Schulgesetz verpflichtet, einen täglich fünfstündigen Sprachförderkurs wahrzunehmen. Wegen der hohen Nachfrage nach Kita-Plätzen bekommen diese Kinder aber häufig keinen Kita-Platz.
Notwendig ist es deshalb, gerade in besonders belasteten Stadtteilen, zusätzliche Platzangebote für die täglich fünfstündige Sprachförderung zu schaffen. Laut Artikel 55 SchulG, Absatz 5 ist die Senatsverwaltung zur Einrichtung solcher Zusatzangebote zur frühkindlichen Sprachförderung in Kooperation mit den bezirklichen Jugendämtern ermächtigt.

 

Bei dem derzeitigen Personalstand in den Kitas und angesichts der Raumsituation ist eine flächendeckende qualifizierte Sprachförderung unrealistisch. Dazu braucht es zusätzliche Ressourcen und ein zusätzliches Programm. Selbst an so genannten Sprachkitas aus dem Gute-Kita-Programm bekleiden Fachkräfte für Sprachbildung bisher nur eine halbe Stelle. Gerade in Gebieten mit hohem Bedarf muss sich aber mindestens eine Fachkraft mit voller Stelle um die Kita-Kinder mit Sprachförderbedarf kümmern können. Da es auf dem Personalmarkt kurzfristig weder Erzieher*innen noch Lehrer*innen als qualifizierte Sprachförderkräfte geben wird, müssen Arbeitnehmer*innen mit einschlägigen didaktischen Vorerfahrungen in temporären Kursen zu Fachkräften zur Sprachbildung ausgebildet werden. Diese Aufgabe übernimmt der Senat oder delegiert sie an ein Institut oder einen freien Träger. Die Sprachförderassistent*innen sollen in den Kitas mit den Kindern arbeiten und die Erzieher*innen dort fortbilden. Insbesondere im Vorschuljahr sollen sie mit ersten Schreib- und Leseübungen die Kinder auf die Schule vorbereiten.

 

Wenn die Kita als Bildungseinrichtung ernst genommen werden soll, wenn die Chancen der Kinder aus nichtdeutschen und/oder sozial schwachen Familien sich wirklich verbessern sollen, wenn es eine frühe Sprachförderung in den Kitas und Sprachförderstellen geben soll, die diesen Namen verdient, dann sollten Bezirks- und Senatsverwaltung auf die Umsetzung der vorgeschlagenen Schritte drängen. Nur mit einer besseren Umsetzung der frühkindlichen Sprachförderung kann eine höhere Wirksamkeit erzielt werden. Der Landesarbeitskreis für Bildung fordert Bezirk und Senat zu entsprechenden Aktivitäten auf.

Empfehlung der Antragskommission:
Erledigt bei Annahme 95/I/2019 (Konsens)