Antrag 31/I/2018 Berlins Startup-Welt muss weiblicher werden

Status:
Annahme

Die sozialdemokratischen Mitglieder des Berliner Senats und des Abgeordnetenhauses von Berlin werden aufgefordert, folgende Forderungen umzusetzen:

 

Berlins Startup-Welt muss weiblicher werden

Die Gründungsaktivitäten von Frauen haben sich nicht zuletzt dank engagierter Frauen und verbesserter Förder- und Beratungsbedingungen verstärkt. Es bleibt aber noch viel zu tun, schließlich ist die Mehrheit der Gründungspersonen immer noch männlich.[1]

Berlins Wirtschaft kann es sich gar nicht leisten, auf Geschäftsideen von Gründerinnen zu verzichten. Hier entsteht die Basis für künftiges Wirtschaftswachstum am Standort Berlins sowie der Sicherung und Schaffung neuer Arbeitsplätze.

 

Klarheit schaffen:
Wir brauchen eine regelmäßige, verlässliche Zahlenbasis zu Gründungsaktivitäten von Frauen

 

Es existieren zwar viele Gründungsstatistiken, aber die Datenerhebung folgt jeweils unter- schiedlichen Quellen und bringt keine vergleichbaren und zuverlässigen Ergebnisse.[2] Wir brauchen ein besseres Fundament für politische Entscheidungsfindung. Der Senat von Berlin wird aufgefordert, in regelmäßigen Abständen einen Gründerinnenreport vorzulegen. Dabei ist ein gemeinsam mit dem Land Brandenburg erstellter Gründerinnenreport für die Metropolregion Berlin-Brandenburg anzustreben. Dieser Bericht enthält Erhebungen über die Gründungsaktivitäten und Unternehmensnachfolge von Frauen über alle Wirtschaftsbereiche, die Inanspruchnahme von Förder- und Fremdfinanzierung sowie die Problemlagen bei der Unternehmensgründung durch Frauen. Die benötigten Mittel für den Bericht sollen im Berliner Haushalt vorgesehen werden, um die Finanzierung langfristig zu sichern.

In die Festlegung der Methodik und der Untersuchungsgegenstände des Gründerinnenreports sollen Interessensvertretungen der Frauen, Hochschulen, Kammern und Unternehmensverbände und Gewerkschaften mit einbezogen werden.

Das Land Berlin wird sich auf Bundesebene für eine vergleichbare regional differenzierte Statistik der Gründungsaktivitäten von Frauen und die Schaffung eines bundesweiten Gründerinnenreports einsetzen.

 

Frauen fördern: Verbesserung und Schaffung finanzieller und fachlicher Förderprogramme

 

Förderprogramme evaluieren

Viele innovative Geschäftsideen von Gründerinnen werden als solche nicht wahrgenommen und finanziell gefördert, weil sie derzeit nicht dem männlich geprägten Innovationsbegriff entsprechen. Dies wiegt doppelt schwer, weil Gründerinnen bekanntlich im Normalfall über weniger Gründungskapital verfügen als Gründer. Wir wollen in der Förderpolitik die gesamte Bandbreite innovativer Geschäftsideen fokussieren und dadurch den Genderbias der Förderprogramme korrigieren. Dies ist gleichstellungs- und wirtschaftspolitisch geboten.

 

Der Senat von Berlin wird aufgefordert eine Kommission einzusetzen, welche einmalig alle Förderprogramme des Landes Berlins einschließlich der Landesförderinstitute und der Hochschulen auf mittelbare geschlechtsspezifische Benachteiligungen hin überprüft unter besonderer Berücksichtigung von Inanspruchnahme und Fördersummen. Ergebnisse und Verbesserungsvorschläge werden in einem Evaluationsbericht aufgezeigt. Auf dieser Basis passt das Land Berlin dann binnen einer Legislatur- bzw. Förderperiode die betroffenen Landesprogramme ggfs. an. Das geschlechtsspezifische Monitoring wird im Folgenden verstetigt.

 

Auf Bundesebene wird sich der Senat von Berlin ebenfalls für eine Evaluation von Fördermaßnahmen einsetzen und eine solche Analyse auch auf europäischer Ebene initiieren.

 

Der Evaluationsbericht erfüllt neben der quantitativen und qualitativen Überprüfung der Förderprogramme mit nachvollziehbaren Kriterien auch die Funktion, Sensibilität und Aufmerksamkeit für eine Gründungsförderung zu erzeugen, die Frauen faktisch gleiche Zugangschancen zur beruflichen Perspektive Unternehmensgründung verschafft wie Männern.

 

Frühe Förderung von Unternehmerinnentum – Orientierung und Unterstützung verbessern

Die bereits begonnenen Bemühungen zur Förderung des Unternehmerinnentums in den Schulen und die Vernetzung mit den zahlreichen Unternehmerinnennetzwerken sollen weiter ausgebaut werden. Ziel ist es, Unternehmerinnen als Vorbilder für Schülerinnen sichtbar zu machen.[3]

 

Parallel soll die Kooperation mit den Berliner Jugendmedienzentren, die der digitalen Medienkompetenzbildung sowohl im schulischen als auch im Freizeitbereich dienen, verstärkt werden. Workshops zu Digitalisierung, Technologie und Entrepreneurship für Mädchen sollen die Aktivitäten der Schulen unterstützen.

 

Eine wichtige Lotsen- und Beratungsfunktion bei beruflichen Weichenstellungen von Frauen nehmen auch die Arbeitsagenturen ein. Sie sind häufig die erste Anlaufstelle, da gerade gründungsinteressierte Frauen nach Mitteln suchen, wovon sie in der Durststrecke vor und nach der Gründung ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Die Arbeitsagenturen werden aufgefordert, potenziellen GründerInnen sachdienliche Hinweise zu geben sowie Wege zur Gründungsberatung zu weisen, auch wenn die Gründerin oder der Gründer aus Sicht der Agentur „vermittelbar“ ist und daher nicht in den Genuss der Ermessensleistung eines Gründungszuschusses kommt.

 

Ausbau von Mentoring-, Coachingprogrammen und Netzwerken

Frauen gründen anders und fühlen sich von vielen Unterstützungsmaßnahmen nicht angesprochen. Neben der Überprüfung der Tonalität bestehender Programme fordern wir den Ausbau der Coachingprogramme für Gründerinnen und Unternehmerinnen in Berlin und Brandenburg.

 

Wir sehen hier vor allem Handlungsbedarf in folgenden Bereichen:

  • Ausbau und Verstärkung von Beratungsstrukturen
  • Pitch-Kurse anbieten / Unterstützung bei der Präsentation des eigenen Unternehmens
  • weibliche Business Angels / Unterstützung beim Zugang zu Venture Capital

 

Es soll zudem darauf geachtet werden, dass die Qualität der Gründerinnenberatung gesichert ist.

 

Unterstützung von Kleinstunternehmen und Kleinstgründungen

Der Fokus der Förderung des Unternehmerinnentums soll sich auch auf bereits bestehende Kleinunternehmen richten. Hier fehlen derzeit Programme, welche kleinen, bereits bestehenden Unternehmen Unterstützung beim Wachstum geben, z.B. in den Bereichen geschäftliches Know-How, Personalwesen, Zugang zu Fremdkapital.

 

Viele selbstständige Frauen verfügen über ein Einkommen, das kaum zur materiellen Sicherung der eigenen Existenz und zur Absicherung von Phasen der Einkommenslosigkeit ausreicht – die Problematik der prekären Selbstständigkeit betrifft relativ mehr Frauen als Männer, das Gender-Income-Gap ist im Falle selbstständig tätiger Personen größer als bei unselbstständig Beschäftigten. Hier steht bei selbstständigen Frauen das gleichstellungspolitische Ziel der eigenständigen Existenzsicherung faktisch infrage.[4] Gleichwohl: Gründerinnen brechen ihre Projekte nicht häufiger ab als Gründer und sind im Hinblick auf das langfristige Überleben ihrer Vorhabens mindestens genauso erfolgreich. Selbstständige Frauen beim Unternehmenswachstum zu unterstützen, verbessert deren Einkommenssituation, hilft das Gender-Income-Gap zu schließen und kann zusätzliche Arbeitsplätze generieren.

 

Frauen sind bei Nebenerwerbsgründungen überproportional vertreten. Diese Gründungsform ist aus volkswirtschaftlicher Sicht in jeder Hinsicht chancenreich. Gerade hier gilt es, Wachstumspotenziale erkennen zu helfen und das Wachstum – im Idealfall bis in die Vollerwerbsselbstständigkeit – zu unterstützen.[5]

 

Dabei stellen die sprungfixen Kosten bei den Sozialversicherungsbeiträgen, insbesondere Krankenversicherungsbeiträgen ein besonderes Wachstumshemmnis gerade für Nebenerwerbsgründerinnen dar.[6] Bis zu einem regelmäßigen monatlichen Einkommen von 435 EUR kann eine Familienversicherung in Anspruch genommen werden; sobald diese Grenze überschritten wird, ist ein eigener Krankenversicherungsbeitrag von ca. 400 EUR zu entrichten. Der Senat wird aufgefordert sich auf Bundesebene dafür einzusetzen, dass die somit sprunghaft ansteigenden Beiträge durch Einführung einer Progressionszone vermieden werden. Dazu soll die Verabredung im Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD für die 19. Legislaturperiode, die Bemessungsgrundlage für die Mindestkrankenversicherungsbeiträge von heute 2283,75 Euro auf 1150 Euro nahezu zu halbieren, zur Entlastung von kleinen Selbstständigen zügig umgesetzt werden.

 

KleinunternehmerInnen können sich häufig Weiterbildung, die für die Führung und das Wachstum ihres Unternehmens hilfreich sein kann, nicht leisten. Der Senat wird aufgefordert, eine Förderung der individuellen Weiterbildung aufzulegen, in deren Genuss auch Selbstständige kommen können. Perspektivisch profitiert auch dieser Personenkreis von der Einführung einer Arbeitsversicherung oder eines Erwerbstätigenkontos. Der Senat wird aufgefordert, sich für die Einführung einzusetzen.

 

Wir fordern den Senat zudem auf, zusammen mit den Unternehmerinnennetzwerken in Berlin ein Netzwerk von Digitalbotschafterinnen aufzubauen, welche als Lotsinnen fungieren und damit Gründerinnen und Unternehmerinnen bei der Digitalisierung ihrer Geschäftsmodelle bzw. bei der Errichtung digitaler Unternehmen unterstützend begleiten. Sie sollten Teil bereits bestehender Beratungsnetzwerke für Frauen sein und bestehende Coachingprogramme ergänzen. Der Senat wird aufgefordert, sich enger mit Unternehmerinnennetzwerken zu vernetzen, gezielt Unternehmenslenkerinnen anzusprechen und ihre Expertise in die Gestaltung der Frauenförderung einfließen zu lassen.

 

Der Senat wird darüber hinaus aufgefordert, eine eigene Landesförderung zur Unterstützung von Frauennetzwerken, Coachingprogrammen und Kleinstunternehmerinnen im Haushalt vorzusehen.

 

Die Forderung im aktuellen Koalitionsvertrag der Bundesregierung zur Schaffung einer Gründerzeit für selbständige Mütter und Väter unterstützen wir ausdrücklich. Diese Unterstützung soll allen Gründerinnen unabhängig von der Unternehmensgröße zugänglich sein. In diesem Zusammenhang sollte auch das Problem des fehlenden Mutterschutzes für selbstständige Frauen gelöst werden: Eine Auszeit rund um die Entbindung können viele selbstständige Frauen sich ohne Existenzgefährdung ihres Unternehmens nicht leisten.

 

Erfolge zeigen und feiern: Vorbilder aufbauen, unterstützen, Leuchttürme errichten

 

Erfolge von Unternehmerinnen müssen sichtbarer werden. Nur so können jüngere Generationen diese als Vorbilder identifizieren, und es kann sich langfristig ein Narrativ der erfolgreichen Gründerin entwickeln. Es gibt bereits zahlreiche private Initiativen bspw. in der Digital- und Musikwirtschaft, die mit Leuchtturmveranstaltungen in Berlin die Öffentlichkeit auf erfolgreiche Geschäftsmodelle und ihre Gründerinnen aufmerksam machen und gleichzeitig die Vernetzung von Gründerinnen und Unternehmerinnen fördern.

 

Diese Initiativen wollen wir multiplizieren und möglichst viele Branchen erfassen. Der Senat wird aufgefordert, einen Haushaltstitel für branchentypische Netzwerkveranstaltungen einzurichten. Noch junge Branchennetzwerke / Unternehmensnetzwerke sollen sich mit Konzeptvorschlägen um diese Mittel bewerben können. Über das Format dieser Veranstaltungen sollen die Branchen selbst entscheiden. Ziel ist es, dass durch die Anschubfinanzierung nachhaltige Vernetzungsstrukturen mit öffentlicher Strahlkraft entstehen.

 

Begleitet werden müssen diese Initiativen des Senats durch eine Verstärkung der Netzwerkbildung und vermehrten Austausch zwischen den Unternehmerinnennetzwerken in Berlin und Brandenburg. Der Senat ist aufgefordert auch hier selbst aktiv direkt auf die Unternehmen zuzugehen und diese für eine Zusammenarbeit zu gewinnen.

 

Das Format des Berliner Unternehmerinnentages soll in diesem Zusammenhang verlässlich, regelmäßig und attraktiv ausgestaltet werden. Der Unternehmerinnenpreis muss attraktiv dotiert werden. Zusammen mit Gründungsexpertinnen und -experten soll dieses Format zu einer festen Größe in der Berliner Startup-Ökonomie weiterentwickelt werden.

 

Misserfolg ist Grundlage für künftigen Erfolg

Wer neues probiert, kann scheitern. Viele neue Geschäftsmodelle tragen sich am Ende nicht und Gründer wie Gründerin müssen ihr Unternehmen dann aufgeben. Was dennoch bleibt, sind die Erfahrungen und das erlernte Methodenwissen zum Aufbau und Führen einer Firma.

 

Gründerinnen sollten ebenso wie Gründer dabei unterstützt werden zu erkennen, wann es an der Zeit ist, ein Unternehmen zu beenden und wie dies zu geschehen hat. Wir fordern zudem, eine Kultur der zweiten Chance zu entwickeln. Dazu zählt auch, Gescheiterten die Möglichkeit zu geben, ihre Erfahrungen für einen Neuanfang zu nutzen – sei es in selbständiger oder unselbständiger Tätigkeit – sowie den Erfahrungsaustausch hierüber zu fördern.

 

 

Begründung:
Berlin hat von allen deutschen Ländern die höchste Selbständigenquote.[7] Traditionell stark war hier in den vergangenen Jahren das Gründungsgeschehen. Im Hinblick darauf hat Hamburg zuletzt Berlin überrundet.[8]   Die Mehrheit der Gründungspersonen ist nach wie vor männlich.[9]   Die Berliner Wirtschaftspolitik tut also gut daran, die Gründungsneigung bislang unterrepräsentierter Gruppen - wie z.B. Gründerinnen - zu erhöhen. Dazu bedarf es allerdings einer stabilen Entscheidungsgrundlage. Trotz zahlreicher Berichte und Publikationen zu Unternehmensgründungen und Gründungsaktivitäten von Frauen im Speziellen fehlt es bislang an einer einheitlichen und umfassenden wissenschaftlichen Basis zum Unternehmerinnentum in Deutschland. Für viele Branchen fehlen flächendeckende Erhebungen von Gründungen nach Geschlecht der Gründungsperson.   Gründungen von Kapitalgesellschaften können derzeit nicht nach Geschlecht aufgeschlüsselt werden. Hier gibt es keine regelmäßige Datenabfrage. Freie Berufe werden in der Gründungsstatistik, deren Basis die Gewerbeanmeldungen sind, nicht erfasst. Bei den Kammerberufen führen die Kammern eigene Statistiken, nach Geschlechtern getrennt. Viele freie Berufe wie z.B. Künstlerinnen, Coaches, freie Dozentinnen werden überhaupt nicht erfasst. Mitunter gibt es Querauswertungen über die Finanzämter, sofern die Einkommen dort gemeldet sind (beachte hierzu auch die Erfassungsgrenze in der Umsatzsteuerstatistik bei Umsätzen höher 17.500 EUR im Jahr). Die Unternehmensnachfolge wird überhaupt nicht statistisch erfasst und kann derzeit nur indirekt über das Handelsregister ermittelt werden. Im Bereich des Handwerks ist mensch hier schon weiter, hier liegen Daten für inhaberinnengeführte Unternehmen vor.   Auch beim Thema Existenzgründungen trifft der grundsätzliche Missstand in der Forschung zu, den ein Arbeitspapier der Hans Böckler Stiftung beschreibt. Es bestehe „ein eklatantes Ungleichgewicht in der in der Wissensproduktion über sogenannte ‚Frauenberufe‘ gegenüber den traditionell männlichen Berufsbranchen. Obwohl die Arbeit im Dienstleistungsbereich unter anderen Paradigmen funktioniert als die Arbeit in der Industrie, wird die Zukunft der Arbeit beinahe ausschließlich an traditionell männlichen Berufen und Branchen verhandelt.“[10]   Ferner zeigt das Arbeitspapier auf, wie weitreichend dieses Unwissen derzeit ist und welche Folgen sich daraus abzeichnen.   „Auffällig ist, dass sich die meisten Branchenstudien mit traditionell männlichen Berufsbereichen wie dem Maschinenbau, der Automobilindustrie, der Bauindustrie oder der Logistik befassen. Obwohl administrative und kaufmännische Tätigkeiten zu den Berufen mit der höchsten Digitalisierungswahrscheinlichkeit gehören, gibt es kaum Bemühungen, die Auswirkungen auf diese Tätigkeitsbereiche präzise zu erforschen. Folglich besteht ein Ungleichgewicht zwischen dem Wissen über männliche gegenüber den weiblichen Branchen. Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass die Diskussion um Arbeit 4.0 oft mit der Debatte um die Industrie 4.0 gleichgesetzt wird, wobei der gesamte Dienstleistungssektor und damit die Beschäftigungsrealität vieler berufstätigen Frauen komplett ausgeblendet ist.“[11]   Für Aussagen über die Situation der Unternehmensgründungen durch Frauen existieren zwar unterschiedliche Erhebungen wie der kfw-Gründungsmonitor[12], Start-up Monitor Deutschland, Mikrozensus, Gewerbeanzeigen- und Umsatzsteuerstatistik, jedoch weisen diese unterschiedliche Datenbasen, unterschiedliche methodische Konzepte, Definitionen und Geltungsbereiche auf. Es fehlt eine Erhebung, welche das Gründungsgeschehen, insbesondere das der Gründerinnen, regelmäßig und vollständig erfasst.   Mittels einer belastbaren, regelmäßigen Erhebung relativieren sich ggfs. einige populäre in den Medien häufig zitierte Berichte, deren Datenbasis meist wissenschaftlichen Ansprüchen nicht genügt und zu einer Verzerrung der öffentlichen Diskussion führen.   Bei Schaffung eines Berichts zu den Gründerinnenaktivitäten kann dabei bereits auf ein Projekt des BMBF und der bundesweiten gründerinnenagentur (bga) zurückgegriffen werden. Der Vorschlag zur Schaffung eines Gründerinnenbarometers liegt dem BMWI seit Sommer 2017 vor.   Dass die Tonalität von Förderprogrammen und -maßnahmen teilweise auf der männlichen Perspektive Ihrer Erschaffer beruht, haben wir bereits weiter oben ausgeführt. Wir geben uns nicht der Illusion hin, dass bereits mit einem ersten Evaluationsbericht alle Probleme beseitigt werden können, vielmehr versprechen wir uns hiermit die Initiierung eines Prozesses, welcher mit jedem Durchlauf die männlich dominierte Perspektive auflöst.   Dazu zählt auch, das Erfahrungswissen von Unternehmerinnen in Verwaltungen und Institutionen noch besser verfügbar zu machen, wo Fördermaßnahmen und Unterstützungsprogramme initiiert werden. Dabei kommt den Digitalbotschafterinnen und Unternehmerinnennetzwerken eine wichtige Rolle zu. Im stetigen Austausch mit den Verwaltungen soll mehr Transparenz über die Problemlagen von Gründerinnen und Unternehmerinnen erreicht und der Praxisbezug von Fördermaßnahmen verbessert werden.   Ein breites engmaschiges Netz an Beratungsangeboten ist dabei essentiell, damit sich aus Gründungsideen am Ende auch wirtschaftlich erfolgreiche Geschäftsmodelle entwickeln. Gerade in Zeiten der wirtschaftlichen Transformation ist der Ausbau an Beratungsangeboten der richtige Weg, den Wandel der Wirtschaft politisch zu begleiten und zu unterstützen. Dabei kann Berlin an einer Vielzahl erfolgreich erprobter Maßnahmen und etablierter Institutionen anknüpfen Gründerinnenzentrale e.V., Gut+, Initiative Selbständiger Immigrantinnen (ISI), WeiberWirtschaft eG, Women in Digital.   Im Bereich des Coachings existieren bereits Konzepte und weitreichende Vorschläge, welche bereits einen Teil der geforderten Unterstützungsmaßnahmen für Gründerinnen und Unternehmerinnen beschreiben z.B. das sogenannte „Empowerment-Programm“, ein Vorschlag der WeiberWirtschaft eG. Das hierzu ergänzend vorgeschlagene Konzept der IT-Scouts halten wir im Hinblick auf Berlins kleinteilig strukturierte Unternehmenslandschaft ebenfalls für unterstützenswert.   Hybride Erwerbsbiografien mit Wechseln zwischen und Parallelität von unterschiedlichen Erwerbsformen, z.B. von der Festanstellung in die Selbständigkeit und zurück, machen es erforderlich, berufliche Weiterbildung systematisch neu zu denken. Weiterbildung muss in jeder Phase der Berufsbiografie zur Verfügung stehen und finanzierbar sein. Das gilt auch für Selbstständige.   Perspektivisch bieten dafür die vielfach geforderte Beschäftigungsversicherung, die die Arbeitslosenversicherung ersetzen soll, oder das “Chancenkonto” eine Lösung. Dies impliziert jedoch erhebliche Veränderungen in den sozialen Sicherungssystemen und in bundesgesetzlichen Regelungen. Das Land Berlin sollte auf Bundesebene solche Entwicklungen nachdrücklich unterstützen.   Gleichwohl könnten kurzfristig auch auf Landesebene mit entsprechenden Förderprogrammen Anreize für die individuelle berufliche Weiterbildung von Selbstständigen und von abhängig Beschäftigten gesetzt werden.   Die Unterstützung von Netzwerkveranstaltungen und Branchenevents ist aus unserer Sicht der beste Weg, um öffentlichkeitswirksam Vorbilder aufzuzeigen und den Erfahrungs- und Wissensaustausch in den Branchen zu forcieren. Zugleich wirken derartige Leuchtturmveranstaltungen über die Landesgrenze hinaus und unterstreichen die Attraktivität des Investitions- und Wirtschaftsstandortes Berlin.   Dabei kann die vom Bundeswirtschaftsministerium geförderte Initiative “FRAUEN unternehmen”, in deren Rahmen Vorbildunternehmerinnen Mädchen und Frauen für den Beruf Unternehmerin begeisterten, als Blaupause und Erfahrungsschatz genutzt werden.   [1] Der KfW-Gründungsmonitor stellt für 2016 fest, dass der Anteil von Frauen an der Gründungstätigkeit 40 % betrug. Vor dem Hintergrund der positiven Entwicklung am Arbeitsmarkt sank der Anteil von 2015 auf 2016 von 43 % auf 40 %. Der Rückgang betraf fast ausschließlich das Gründen im Vollerwerb.   [2] So erhielt bspw. der vom Deutschen Startup-Verband ermittelte Anteil von 15 % Startup-Gründerinnen eine hohe Aufmerksamkeit - eine “postfaktische” Feststellung angesichts der unwissenschaftlichen Datenerhebung und der wenig trennscharfen Definition von Startups:
  • “Startups sind jünger als zehn Jahre
  • Startups sind mit Ihrem Geschäftsmodell und/oder ihrer Technologie (hoch) innovativ
  • Startups weisen ein signifikantes Mitarbeiter- und/oder Umsatzwachstum auf (oder streben es an)” (KPMG (Hrsg.): Deutscher Startup Monitor 2017, S. 16.)
  [3] Der Global Entrepreneurship Monitor 2017/2018 attestiert den deutschen Rahmenbedingungen für Gründung und unternehmerische Tätigkeit besondere Schwächen im Hinblick auf die Behandlung der Themen im Schulunterricht (vgl. Global Entrepreneurship Research Association: Global Entrepreneurship Monitor 2017/2018, S. 62). Ein verstärktes Engagement in diesem Handlungsfeld sollte von vornherein mit einem Genderkonzept verbunden werden.   [4] Vgl. Gather, Claudia et al (Hg.): Die Vielfalt der Selbständigkeit. Sozialwissenschaftliche Beiträge zu einer Erwerbsform im Wandel. HWR Berlin Forschung 58/59, Berlin: edition sigma, S. 111–134 sowie die entsprechenden Passagen im Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung.   [5] Vgl. inmit (Hrsg.): Beweggründe und Erfolgsfaktoren bei Gründungen im Nebenerwerb. Studie im Auftrag des BMWi. Trier 2013.   [6] Vgl. ebenda. [7] Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Statistisches Jahrbuch 2017, S. 353. [8] Kreditanstalt für Wiederaufbau (Hrsg.): KfW-Gründungsmonitor 2017, S. 4 [9] Vgl. hierzu BMWI: Starke Frauen, starke Wirtschaft, online abrufbar unter: http://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Dossier/frauen-in-der-wirtschaft.html sowie http://www.existenzgruenderinnen.de/SharedDocs/ Downloads/DE/Publikationen/39-Gruenderinnen-Unternehmerinnen-Deutschland-Daten-Fakten-IV.pdf?__blob=publicationFile [10] Oliveira, D., Hans Böckler Stiftung (Hrsg.): Working Paper Forschungsförderung. Nr. 037, Mai 2017, S.4; online abrufbar unter: https://www.boeckler.de/pdf/p_fofoe_WP_037_2017.pdf [11] ebd. S. 25ff. [12] siehe https://www.kfw.de/KfW-Konzern/KfW-Research/KfW-Gr%C3%BCndungsmonitor.html
Empfehlung der Antragskommission:
Annahme (Konsens)